Atomare Transaktionen für Zeitungen

Mit Kryptowährungen können Zeitungsverlage jede atomare Interaktion ihrer Leser monetarisieren. Sobald das geht, gibt es eine Flut an Möglichkeiten, mit gutem Content Geld zu verdienen.

Zeitungen generieren mit ihren Produkten Aufmerksamkeit im Internet, und sie verdienen daran, diese Aufmerksamkeit zu monetarisieren. Die Einnahmen aus Online-Abos reichen, um die Ausfälle durch das Internet zu kompensieren, da sie nur einen Bruchteil der potentiellen Aufmerksamkeit, die guter Content schafft, in eine finanzielle Transaktion transformieren.

Mit Kryptowährungen sind Mikro- und Nanotransaktionen möglich. Dadurch können Zeitungsverlage jede atomare Aufmerksamkeitseiheit – die Interaktionen der Leser – in eine atomare Transaktion (von Geld) transformieren. Das erlaubt eine Fülle an Möglichkeiten, mit journalistischen Produkten Geld zu verdienen, die nur durch die Phantasie begrenzt ist.

Die PayWall

Die Grundidee ist alt: Ein Leser muss bezahlen, um einen Artikel zu lesen. Es wäre die fairste und ehrlichste Weise, Content im Internet zu verkaufen. Die meisten Zeitungen haben sie ausprobiert, aber mittlerweile aufgegeben.

In der Praxis scheitert die PayWall im Kern daran, dass es kein Zahlungsprotokoll fürs Internet gibt. Nicht jeder User benutzt dasselbe Payment-System, die Anbieter verlangen hohe Gebühren, und Zahlungen sind für User oft umständlich. Es ist weniger die Unwilligkeit der Leser, für ihre Zeitung zu bezahlen – das zeigt die hohe Akzeptanz von Online-Abos – als deren Faulheit. Es ist einfacher, den Artikel nicht zu lesen, als die Hürde zu nehmen, ihn zu bezahlen.

Kryptowährungen sind ein Internet-Protokoll für Geld. Sie sind universell, günstig, und fügen sich nahtlos in die Benutzererfahrung ein. Mit Kryptowährungen kann eine Zahlung für den Leser eine ebenso einfache Interaktion wie ein Klick sein, während die Gebühren kaum existent sind.

PayWalls kann es in vielen Variationen geben. Sie kann am Anfang, in der Mittel oder am Ende eines Artikels stehen. Es kann auch mehrere PayWalls in einem Artikel geben. Autoren und Redakteure können Cliffhanger und Storytelling so gestalten, dass sie Zahlungen triggern.

Ein Leser, der einen Artikel gekauft hat, kann per Cookie / GET Zugang zu einem, zwei, drei oder mehr Artikeln der Zeitung, des Ressorts oder des Autors erhalten. Mit entsprechender Software-Unterstützung könnte die PayWall auch zeitlich abrechnen, etwa je Minute. Denkbar wäre auch ein „Zahl-was-du-willst“-Modell.

Ein angenehmer Nebeneffekt von flexiblen PayWalls ist, dass die Qualität von Artikeln sowie das Leseverhalten in bisher unbekannter Weise quantifizierbar wird: Es wird ersichtlich, ob ein Artikel nur wegen der Überschrift geklickt, oder tatsächlich gelesen wird; man kann feststellen, wie viel es dem Leser wert ist, einen Artikel auch zu Ende zu lesen, und so weiter. Gut eingesetzte PayWalls werden ein Anreiz, die Qualität journalistischer Artikel zu erhöhen.

Die PayWall kann mit einem Account einhergehen, sollte aber auch ohne durchgangen werden können. Idealerweise muss der Leser nur einen Knopf drücken, um zu bezahlen. Die notwendigen User-Interaktionen, um eine Zahlung auszuführen, sollten auf ein Minimum reduzierbar sein.

Langfristig können PayWalls neben Abos und Werbung eine primäre Cash-Cow von Zeitungen werden. Der Weg dorthin ist aber schwierig, weil der Versuch allein oft zu Einbußen der Werbeeinnahmen führt. Er könnte (und sollte) aber dort, wo bereits PayWalls stehen, etwa bei Abonnement-Teilen, als Option angeboten werden.

Eine weitere Option wäre es, die PayWall dort einzuführen, wo Adblocker blockiert werden, mit dem Hinweis, dass man den Blocker entweder abschalten oder ein paar Cent bezahlen soll, um die Inhalte weiter werbefrei anzuschauen.

Spenden (Tips)

Anstatt für das Lesen eines Artikels zu bezahlen, können die Leser dem Autor oder der Zeitung ein „Trinkgeld“ (engl. Tip) geben. Dies ist mit herkömmlichen Verfahren indirekt – als Spende – bereits möglich. Eine direkte Spende für einen konkreten Artikel ist allerdings aufgrund der Gebühren nicht machbar bzw. durch eine Banküberweisung ein unverhältnismäßiger Aufwand.

Kryptowährungen können direkte Tips beinah kostenlos mache. Da sie sich zudem nativ im Internet bewegen, kann der Tip als Button unter oder neben dem Artikel stehen, wie die Facebook / Twitter / Instagram Like / Share Buttons. Die Zahlung lässt sich flexibel in die Webseite einpflegen.

Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie parallel zu Werbung laufen kann. Sie macht keine bestehenden Einnahmen zunichte – wie eine reine PayWall – sondern ergänzt sie. Es gibt nichts zu verlieren. Daher könnte ein Spenden-Button der perfekte Einstieg in die Monetarisierung durch atomare Transaktionen sein.

Leser können durch die Userführung zu Tips aufgefordert werden. Wenn jemand zum Beispiel mehr als zwei Artikel auf einer Zeitung lesen oder mehr als eine Stunde auf der Seite verbringen, kann die Seite ihn um Tips bitten.

Um wirklich zu wirken, benötigen Tips Netzwerkeffekte. Bisher hat nur die Interaktion „Lesen“ eine monetäre Transaktion getriggert. Verwertbar ist aber auch die „Share“-Interaktion: Man stelle sich vor, Zeitungen verdienen an der User-Interaktion „teilen“. Es könnte auch soziale Medien geben, die Links nur teilen, wenn sie getipt wurden. Dies würde Spam ausschließen und könnte starke Netzwerkeffekte generieren.

Der Tip kann auch als „Upvote“ auf der Zeitungsseite selbst wirken und die Präsenz des Artikels (in dieser oder jener Form) stärken. Leser, die wollen, dass ihr Lieblingsartikel besonders gut sichtbar ist, können dies durch den Tip mitteilen.

Indem auch die Interaktionen, die um das Lesen herum geschehen, zu Transaktionen werden, lohnt es sich für eine Zeitung, solche Interaktionen zu entwickeln und zu pflegen. Dies wiederum hilft der Zeitung, die wichtigste Ressource des Internets zu generieren: Aufmerksamkeit.

Kommentare

Eine weitere sekundäre Interaktion ist der Kommentar. Im Grunde bieten Zeitungen mit der Kommentarfunktion ihren Lesern einen Service: Die Leser können ihre Meinung zu einem Thema an einem prominenten Ort äußern und damit die Aufmerksamkeit nutzen, die die Arbeit der Journalisten generiert hat. Da eine lebhafte Diskussion aber selbst Aufmerksamkeit für den Artikel generiert, bieten Zeitungen diesen Service umsonst an.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist jedoch asymmetrisch. Für die Zeitungen erbringen Kommentare kaum Unique Visist, wohingegen die Kommentatoren mit ihrer Meinung zahlreiche Unique Visist erreichen. Dem steht zudem ein hoher Betreungsaufwand gegenüber, da Redaktionen Kommentare prüfen und gegebenenfalls löschen müssen. Aus diesem Grund haben viele Zeitungen die Kommentarbereiche abgeschafft oder schalten sie bei kontroversen Themen selektiv ab.

Die Überführung der „Kommentar“-Interaktion in eine Transaktion wäre eine große Bereicherung. Der Verlag verlangt einen kleinen Betrag für einen Kommentar. Der Betrag kann variieren. Er kann bei kontroversen Themen beispielsweise steigen und vom Redakteur bestimmt werden. Dies monetarisiert auf der einen Seite die Aufmerksamkeit, die Kommentare generieren – und hilft auf der anderen Seite, Spam und Trolle zu verhindern.

Kommentar-Transaktionen lassen sich noch verfeinern, indem sie etwa teurer werden, wenn jemand Fett- oder Kursivschreibung verwenden möchte, oder sie besonders hervorgehoben werden sollen. Zeitungen können auch Kommentare nach Länge bepreisen oder etwa einen Aufschlag für Links verlangen.

Innerhalb der Kommentare selbst können weitere Interaktionen monetarisiert wird. So können Up- und Downvotes von Kommentaren durch andere Leser ebenfalls einen kleinen Betrag kosten.

Kommentare zu monetarisieren kann ein lukratives Geschäft sein. Zeitungen sind oft prominente Orte im Internet, die die Diskussion mancher Themen bündeln. Die Kommentarspalten unter Artikeln sind für viele sendungsbewusste Netzbürger der zentrale Ort, um eine Meinung abzugeben. Der Service, den Zeitungen hier bieten, ist im Grunde äußerst wertvoll; seine Monetarisierung kann sukzessiv steigende Einnahmefelder erschließen.

Gleichwohl riskiert dieser Ansatz, vorhandener Netzwerkeffekte zu stören, indem es die Aktivität bestehender Kommentarbereiche verringert und damit Aufmerksamkeit zerstört. Es könnte aber für den Anfang bei Themen oder Artikeln zum Zuge kommen, bei denen Kommentarspalten aufgrund des Betreuungsaufwands mehr Ärger als Gewinn sind, oder wo die Diskussion sowieso abgeschaltet oder ausgelagert wird.

Plus

Jeder Artikel kann zu einem Markt für Extra-Content werden, der sofort nach einer einmaligen Zahlung bereit gestellt wird: Ein schärferes Bild, mehr Bilder, ein Video, eine Infografik, ein Infokasten, Links zu ausgewählten weiteren (internen und externen) Artikeln, eventuell ein Artikel aus dem Abo-Bereich …

Mit ein wenig Phantasie finden Zeitungen vermutlich noch viele weitere Zusatzleistungen. Denkbar wäre etwa eine Premium-Mail an den Autor, die nur durchgeht, wenn für sie bezahlt wird.

Derartige Plus-Programme haben den Vorteil, dass sie wenig disruptiv sind. Sie stören keine der bestehenden Einnahmeformen, weder Werbung noch Abo, und sind in manchen Fällen auch kompatibel mit diesen. Wie die Tips sind sie eine „low hanging Fruit“: Man kann es weitgehend ohne Risiko versuchen, während der Spielraum für Experimente groß ist.

MLM

Multi-Level-Marketing (MLM) ist eine Form des Vertriebs. Sie ist nicht eben besonders anerkannt, weil sie so erfolgreich ist, dass sie den Vertrieb selbst zum Produkt macht. MLM-Systeme entwickeln oft eine schneeballsystemartige Eigendynamik mit toxischen Anreizen für Vertriebler.

Dies bedeutet aber nicht, dass das Konzept nicht nützlich sein kann. Multi-Level-Marketing bedeutet, dass jemand, der einen Werber für etwas anwirbt, selbst einen Anteil an dessen Verkaufserlösen erhält, und so weiter. Es baut pyramidenartige Vertriebssysteme auf, bei denen die Teilnehmer Anreize haben, nicht nur Produkte zu bewerben, sondern auch neue Werber zu gewinnen. Solche oder ähnliche Systeme werden in vielen Branchen eingesetzt.

Man kann die Dynamik im Mikroverkauf von Online-Interaktionen gefahrlos einsetzen, um Netzwerkdynamiken zu gewinnen.

Zum Beispiel erhält jemand, der früh einen Artikel kauft, einen Anteil, wenn andere nach ihm denselben Artikel kaufen. Glückliche Leser können damit an dem Artikel selbst verdienen, Leute können in Artikel investieren, indem sie sich früh am Morgen einige kaufen und diese dann teilen und bewerben. Wenn dies ein Sport wird, könnte es ungeheure Netzwerkeffekte generieren.

Dasselbe Prinzip lässt sich auf Tips und Kommentare anwenden: Wer früh spendet, erhält Anteile, wenn andere danach spenden. Wer einen beliebten Kommentar schreibt, bekommt Anteile, wenn andere den Kommentar upvoten oder ihn beantworten, und wer einen Kommentar upvoted, bekommt Anteile an den nachfolgenden Upvotes. Und so weiter. MLM-Systeme binden hier den Leser in die Schaffung von Werten ein und beteiligen ihn. Ein Top-Kommentar unter einem Artikel ist oft eine große Bereicherung für den Leser und kann seinem Autor unter Umständen viel Geld einbringen.

Technisch gesehen sind solche MLM-Spiele machbar, wenn auch nicht ohne Aufwand. Sie können trivial und raffiniert gestaltet werden, einzelne Elemente fassen, oder sich durch das ganze System ziehen und die Transaktionen in Nanobereiche zerlegen und streuen. Insbesondere bei breiter Nutzung und hoher Skalierbarkeit verlangt sie sowohl der Webseite, als auch der Kryptowährung sowie deren Infrastruktur-Plattformen sehr viel ab. Vereinfacht werden MLN-Mechanismen, wenn sie durch Accounts unterstützt werden, die Interaktionen intern abbilden. Dies wäre auch durch „Accounts ohne Accounts“ möglich, bei denen sich ein Leser über eine Kryptowährungs-Adresse ausweist.

Experimente

Mit dieser Liste sind die Möglichkeiten, die Interaktionen rund um Zeitungsartikel zu monetarisieren, noch längst nicht ausgeschöpft. Kreative Zeitungsmacher dürften noch viele weitere finden.

Welche davon Sinn ergeben, und welche nicht, welche angenommen werden, und welche Erlöse einspielen – dafür gibt es noch keine Antwort. Es wurde ja noch nie versucht. Zeitungen, die hier voranschreiten, haben die Gelegenheit, zu experimentieren und einen Wissensvorsprung zu sammeln.

Je nach Modell gehen sie dabei kein Risiko ein.

Autor Christoph_Bergmann
Veröffentlicht Mar 08, 2019
Geteilt durch
 
{"currency":[{"name":"US Dollar","abbr":"usd","symbol":"$","type":"fiat","priceBtc":132.6982582432}],"appuser":null}